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Einrichtung = Einheitsbrei?

Es gibt nach wie vor eine große Diversität in den Wohnzimmern der Deutschen. Aber wie wird sich unsere Einrichtung in Zukunft entwickeln? Wird es irgendwann nur noch die eine Einheitseinrichtung geben? Dieser Frage gehen wir in diesem Beitrag nach…

Mit dem rasanten Vormarsch der Digitalisierung scheint die Einrichtung immer mehr zu einer Kulisse für unsere digitale Persönlichkeit zu werden. Die Möbel müssen in erster Linie gut in unserem Instagram-Feed aussehen, die eigentliche Qualität spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Das Handwerk schafft sich ab, Einrichtungsgegenstände sind Massenware wie alles andere auch. Haben früher noch aufwendig verzierte Familienwappen Schränke und Kommoden verziert, versucht man sich heute mit Wandtattoos von der Einrichtung der Anderen abzuheben.

Möbel werden auf die digitalen Bedürfnisse angepasst. Ein Beistelltisch, um das Smartphone zu laden, ein wackeliger Esstisch vom Discount-Möbler, der gleichzeitig als Arbeitsstation für den Laptop dient und ein großer Spiegel, um das perfekte Selfie zu machen.

Desto mehr sich unser Leben auf die digitale Welt fokussiert, desto unwichtiger wird eine persönliche, mit Liebe zusammengestellte Einrichtung. Am besten kauft man gleich ganze Wohnideen beim Möbelhaus, um am Puls der Zeit zu bleiben. Da die Möbel so billig sind, kann man sie nach ein, zwei Jahren wieder austauschen, wenn der nächste Trend durch Social Media geistert.

Shabby Chic, Vintage, Industrial Style, all diese Einrichtungsstile klingen so vielversprechend außergewöhnlich, sind bei genauem Hinschauen aber nur derselbe Schund, der alle paar Jahre recycelt und unter neuem Label in die Läden gestellt wird. Um die Möbel besser zu verkaufen, klatscht man noch den Namen irgendeines Promis drauf und die nächste Trendwelle überflutet das Land.

Schaut man sich die Einrichtungsgegenstände genauer an, kommt man nicht umhin, eine gewisse Sterilität zu beobachten. Überall Weiß, Chrom und Glas, billige Pressspanplatten, austauschbare Wanddeko und für ein bisschen Charakter Holzapplikationen aus echtem Holz.

Wer weiß, vielleicht gibt es eines Tages das Einrichtungs-Abonnement: „Gegen eine Zahlung von nur 10.000 € tauschen wir jährlich Ihre komplette Einrichtung aus. Schließen Sie noch heute das Abo ab und sichern Sie sich zwei Möbel Ihrer Wahl gratis als Geschenk!“

Bei der aktuellen Preisentwicklung ist diese Vorstellung gar nicht so abwegig. Bei OTTO kann man sich schon seit 2016 Möbel ausleihen, anstatt sie zu kaufen. Wahrscheinlich steht dieser Entwicklung nur noch die Logistik im Wege. Hier könnte Amazon in absehbarer Zeit einen enormen Schritt nach vorn unternehmen, wie dieses Interview der Internetworld mit Pierre Haarfeld zeigt:

Internetworld: Welchen Stellenwert hat Amazon im Online-Möbelsegment?

Pierre Haarfeld: Bei dieser Frage lohnt sich ein Blick nach Amerika. Dort hat Amazon bereits fünf große Logistikzen­tren für Möbel aufgebaut. Und noch viel spannender: Mittlerweile liefert Amazon in Amerika sogar die Möbel mit einer eigenen 2-Mann-Logistik aus. In Deutschland wird Amazon gerade auf 500 Millionen Euro Möbelumsatz geschätzt. Sollte Amazon auch in Deutschland bald eine eigene Möbel-Logistik anbieten, könnte das zum Game-Changer werden, da hierzulande die Logistikressourcen komplett erschöpft sind.

Quelle: Internetworld

Oder kommt ihnen XXXLutz zuvor? Der Riesen-Möbler hat im März 2018 die Bauarbeiten an einem 90 Millionen Euro teuren E-Commerce-Logistikzentrum begonnen.

Was noch möglich ist, wird sich zeigen. Es steht aber jetzt schon fest, dass die Möbelbranche – und damit steht sie nicht allein – zukünftig von wenigen großen Playern kontrolliert werden wird. Kleinere Unternehmen werden sich schwertun, allenfalls in Nischen noch eine Weile funktionieren.

Die Großen bestimmen derweil, wie unser Einrichtungsstil aussehen wird. Die Vielfalt wird mit Sicherheit darunter leiden.

Aber ist das so schlimm? Sollten wir uns nicht endlich von der festgefahrenen Meinung verabschieden, dass Möbel ein Leben lang halten?

Diese Zeiten sind längst vorbei. Durch die Globalisierung ist die Einrichtung nicht mehr ein Luxus, den man sich nur einmal im Leben gönnt und der sich in so gewichtige Entscheidungen wie den Haus- und Autokauf einreiht. Die Preise sind mittlerweile so niedrig, dass man Möbel bald so häufig wie Klamotten kaufen wird.

Der Vergleich ist mehr als passend. Beides sind Produkte, mit denen sich die Persönlichkeit nach außen transportieren lässt. Musste man früher den von Oma geerbten Schrank seinen Kinder weitervererben, kann man sich heute einfach einen neuen Schrank kaufen, wenn man den alten nicht mehr „fühlt“.

Nun kann man als Individualist sagen, das ist doch eine ganz tolle Entwicklung – abgesehen vom Nachhaltigkeitsaspekt natürlich. Hierbei muss man aber beachten, dass die Individualität vermutlich enorm eingeschränkt sein wird. Wenn der Markt von wenigen Anbietern kontrolliert wird, die den Wünschen der Kunden Folge leisten, sich also irgendwelchen Trends anpassen und dadurch alle dasselbe verkaufen, wo bleibt dann noch Platz für Individualität?

Man kann diese Entwicklung durchaus kritisch sehen, andererseits kann sie dazu beitragen, das lästige Thema Einrichtung zu vereinfachen: Möbel mieten statt kaufen, kompletter Umzugsservice als Dienstleistung des Möbelhändlers und bereits möblierte Apartments befreien uns von der Last vieler nerviger Aufgaben.

Wir können das Geld und die Zeit in andere Dinge investieren und müssen dafür nur in Kauf nehmen, dass unsere Einrichtung zum Einheitsbrei verkommt.

Die Zukunft bleibt spannend!

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