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Wozu brauchen Minimalisten so viel Platz?

Riesen Häuser, leere Räume…Wozu das alles?

Wenn du dir auf YouTube gerne Videos aus den Kategorien „Haus und Garten“, „Persönlichkeitsentwicklung“ oder „Promi-News“ anschaust, hast du bestimmt schon eine dieser Apartment-Touren durch ein minimalistisches Zuhause gesehen. Jedes Mal, wenn sich so ein Video in meinen Feed schleicht, denke ich mir: „Wozu brauchen Minimalisiten so viel Platz?“

Das beste Beispiel dafür ist Kim Kardashian mit ihrem Mega-Anwesen, in dem gefühlt 5 Möbelstücke stehen. Falls du das Video noch nicht gesehen hast, kannst du diese klaffende Bildungslücke jetzt füllen:

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Wozu baut man so ein riesiges Haus, um es dann nahezu leerstehen zu lassen? Könnte man nicht ein normalgroßes Haus bauen oder in eine verdammte Höhle ziehen? Die Dekadenz und schiere Größe dieser Häuser widerspricht doch eigentlich dem Grundprinzip des Minimalismus. Wozu einen zwanzig Meter langen Flur bauen, wenn du nicht gerade 30 Kinder hast, deren Schuhe irgendwo untergebracht werden müssen?

Bei den Normalos, die alles verkaufen, weil Minimalismus plötzlich cool ist, kann man die Unverhältnismäßigkeit von Wohnraum und Besitztümern ja noch verstehen. Der Immobilienmarkt hat sich dem neuen Trend einfach noch nicht angepasst, das heißt, nicht überall auf der Welt. In Tokio oder New York sieht die Lage natürlich anders aus. Dort muss man zum Minimalisten werden, weil man sonst an seinen eigenen Besitztümern erstickt in den winzigen Wohnungen. Mir kommt es jedenfalls so vor, als bestünde diese Art des Minimalismus aus drei Aspekten:

1. Die Einstellung, das heißt, sich tatsächlich damit auseinanderzusetzen, dass wir zu viel zu viel konsumieren und Alternativen zu suchen.

2. Die Unsicherheit einer immer digitaler werdenden Welt, in der wir unsere Persönlichkeit nahezu gänzlich auf einen kleinen Taschencomputer überspielt haben. Wir sind nicht mehr nur physische und geistige Wesen, wird sind Profile, Daten, Einsen und Nullen. Wer braucht da noch 5 Teeservice und hundert Paar Schuhe oder eine kleine Heimbibliothek?

3. Ein neuer Trend, mit dem sich eine Menge Geld verdienen lässt. Das beweist allein die Einrichtung von diesen Minimalisten-Apartments, in denen gefühlt immer dieselben, pastelligen, runden Möbel vorzufinden sind. Das, und die ganzen YouTuber, die sich durch das Breittreten dieses Lebensstils ihren Lebensunterhalt finanzieren.

Über die ersten beiden Punkte sollen sich die Philosophen Gedanken machen, auf diesem Blog geht es um Einrichtung. Daher ist nur der dritte Punkt interessant. Auch die Immobilien- und Möbelbranche muss Wege finden, um sich an die geänderten Lebensumstände anzupassen.

Wenn bald vieles digital ist, konsumieren die Leute weniger. Infolgedessen werden sie weniger Stauraum benötigen, also kann im Endeffekt auch der Wohnraum kleiner werden. Und wenn in Zukunft – nicht zuletzt der Corona-Krise wegen – mehr Leute im Home-Office arbeiten können, wird der Verbraucher auch weniger Klamotten kaufen.

Das heißt, der minimalistische Lebensstil passt sehr gut in das Schema der neuen Techwelt, in der alles vernetzt ist und persönliche Interaktion eigentlich überflüssig. Weil keine Gäste mehr kommen, braucht man keinen großen Esstisch mit Stühlen, kein extra Geschirr, keine protzige Deko zum Angeben. Alles kann heruntergefahren werden.

Davon kann man halten, was man will. Es betrifft ohnehin nur einen Bruchteil der Menschen, solche, die privilegiert genug sind, um sich ihren Wohnraum aussuchen und von Zuhause aus arbeiten zu können. Und wenn die Möbelbranche diesen Leuten minimalistische Möbel verkaufen kann, ist das doch nichts Verwerfliches.

Vermutlich müssen sich diese Menschen irgendwie vom Rest der Welt abheben und sozusagen eine neue Kultur schaffen, weil ihren Realität so weit entfernt ist von jener der anderen. Im weitesten Sinne gestalten sie ja ohnehin die Zukunft, also können sie gleich den neuen Lifestyle dazu mitliefern.

Es ist nur bemerkenswert, dass man den Menschen „Nichts“ mit einem trendigen Stempel wie „Minimalismus“ verkaufen kann.

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